Langeweile aushalten

Fahrrad an einem metallenen Geländer mit Blick auf die Überseestadt in Bremen, sonniges Morgenlicht

Langeweile aushalten

Zwei Dinge sind als Erwachsener eine echte Herausforderung:

  • In den Zustand völliger Langeweile zu kommen und

  • Ihn auszuhalten.

Mir war gar nicht bewusst, wie negativ das Wort „Langeweile“ eigentlich besetzt ist. Laut Definition ist sie ein unangenehmes Gefühl der Leere, der Eintönigkeit – ein Mangel an Anregung, an Beschäftigung. Kein Wunder also, dass wir sie vermeiden wollen. Doch gleichzeitig frage ich mich: Ist diese Leere wirklich so schlecht? Wenn Kinder Langeweile haben, entsteht oft etwas Neues, etwas Phantasievolles.

Überall hört man von Dauerstress, Überforderung, dem Wunsch nach mehr Zeit für sich selbst – und trotzdem sagen viele: „Wenn ich endlich mal wieder Zeit habe, dann werde ich erstmal…“ und schon ist sie da, die nächste Aufgabe. Dieses Bedürfnis, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Wir sind es gewohnt, ständig etwas zu tun. Stillstand ist der Tod. Das singt sogar Herbert Grönemeyer. Und oft verhalten wir uns genau so: Wir rennen, statt einfach mal stehenzubleiben.

Ich kenne beide Seiten gut. Das Gefühl, immer schneller arbeiten zu müssen, um To-do-Listen abzuarbeiten – und die Frustration, wenn das Ergebnis trotz allem nicht zufriedenstellend ist. Außerdem kann man sich einer Sache sicher sein: Kaum ist etwas geschafft, stehen schon neue Aufgaben an. Trotzdem ist da diese Illusion, man könnte das Ende dieser Liste irgendwann erreichen, wenn man sich nur genug Mühe gibt.

Und dann kam das Gegenteil: Es warteten plötzlich keine dringenden Aufgaben auf mich. Oder die Liste war so kurz, dass man sie kaum so nennen konnte. Auf einmal war da dieser freie Raum – und mit ihm ein mulmiges Gefühl, das sich langsam in schlechtes Gewissen verwandelte. Darf ich das einfach, nichts tun? Sollte ich die Zeit nicht nutzen, um etwas „Sinnvolles“ anzufangen? Selbst oder gerade die Ruhe sollte doch produktiv sein, oder? Nein, das fühlte sich falsch an. Und genau dieses Unbehagen wollte ich verstehen.

Also habe ich versucht, die Langeweile auszuhalten. Ich habe geschlafen, Netflix geschaut, durch Instagram gescrollt – ganz bewusst. Ich wollte spüren, wie es ist, einfach nur da zu sein. Irgendwann merkte ich, dass in dieser Ruhe tatsächlich etwas Neues entstand: der Wunsch, wieder kreativ zu sein. Wieder zu fotografieren.

Ein paar Tage später bin ich morgens nach Bremen in die Überseestadt gefahren. Eine Stunde lang habe ich fotografiert – und dann war der Moment einfach rund. Ich wollte dem alten Muster folgen: die Zeit nutzen, weiterfahren, „mehr draus machen“. Doch diesmal habe ich aufgehört. Ich bin nach Hause gefahren. Zufrieden. Mit ein paar schönen Fotos und einem guten Gefühl.

Dinge anzufangen und zu beenden, wenn sie sich richtig anfühlen – nicht aus Pflicht, nicht im Vergleich zu Anderen, sondern aus mir heraus. Vielleicht ist das die wahre Herausforderung: sich selbst genug zu sein, auch wenn gerade nichts passiert.