"Toller Schnappschuss" - dokumentarische Fotografie ist mehr als nur Glück

Es ist völlig egal, aus welchem Grund ich gerade mit der Kamera unterwegs bin: Ich bin immer auf der Suche nach den Dingen, die nicht offensichtlich und nach Momenten, die besonders sind. Es soll den Betrachter des Fotos ein wenig länger hinsehen lassen, als wir es von Instagram gewohnt sind.

 

„Ein gutes Foto ist ein Foto, auf das man länger als eine Sekunde schaut."

(Henri Cartier-Bresson)

 

Ein kleines Beispiel:

 

Ich war zu Fuß unterwegs zu einer Familie, die ich fotografieren durfte. Unser kleines Dorf gibt jetzt fotografisch nicht ganz so viel her, wenn man nicht gerade nur platte Landschaft fotografieren will. Trotzdem hatte ich die Kamera schon in der Hand. Man weiß ja nie. Kurz bevor ich am Ziel ankam, musste ich rechts in eine Straße abbiegen und sah einen älteren Herren motorisiert auf mich zu fahren. Einen Augenblick später war da dieses Straßenschild mit der Geschwindigkeitsbeschränkung. Wenn er doch jetzt hier abbiegen würde, dann... *klick*

Du sagst nun sicher "Glück gehabt". Natürlich war es auch Glück, dass er auch abbog. Aber es war eben nicht nur Glück.

Ein weiteres Beispiel:

 

Bei dieser Hochzeit durfte ich auch das Getting ready fotografieren. Ein Teil der Familie reiste aus Polen an und wohnte während der Hochzeitzeit bei dem Brautpaar. Ich habe nie so ein lebhaftes Getting ready erlebt. Und das ist absolut positiv gemeint.

Natürlich konzentriere ich mich in diesen Situation auf die Hauptdarstellerin. Aber wenn Kinder dabei sind, darf man sie nie aus den Augen lassen. Okay, darf man sowieso nie, aber ich meine in diesem Fall fotografisch. Mein polnisch ist maximal ausbaufähig, aber trotzdem habe ich schon kurz vorher erahnen können, was der Junge vorhatte. Und ich wusste vorher auch schon ganz genau, wie das Foto am Ende aussehen sollte. *klick*

Es geht aber nicht immer nur um Vorahnung und Glück. Manchmal geht es auch um Mut. Bei diesem Foto habe ich wirklich lange (so kam es mir jedenfalls vor) überlegt, ob ich das fotografieren soll, weil es so ein intimer Moment ist. Ein komisches Gefühl war das irgendwie schon, auch, wenn das Stillen eines Babys das normalste der Welt ist. Heute bin ich wahnsinnig froh, dass ich das Foto gemacht habe und es sogar zeigen darf. 

Während ich auf Hochzeiten am Anfang eher damit beschäftigt war, die wichtigsten Momente technisch möglichst perfekt festzuhalten, suche ich nun ständig ganz gezielt nach Szenen, die nicht jeder mitbekommt, die besonders lustig, emotional oder vom Bildaufbau interessant sind. Oder sein könnten, wenn vielleicht...

 

Das kann man im Alltag auch total gut üben - selbst ohne Kamera. Statt aufs Smartphone einfach mal den Blick schweifen lassen und sich fragen

 

  • Was würde ich jetzt fotografieren?
  • Wo sind Licht und Schatten besonders schön?
  • Wo sind interessante Menschen?
  • Was würde das Bild jetzt noch zusätzlich interessant machen und
  • ist es realistisch, dass das passiert?

Ja, ein wenig Glück ist auch immer dabei. Aber auch viel Erfahrung. Ich übe im Alltag ständig, ohne dass es mir auffällt. Versuch es doch mal.

 

Beste Grüße

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Kommentare: 3
  • #1

    Katrin Reisinger (Sonntag, 12 Juni 2022 20:14)

    Die Bilder sind wunderschön und nicht einfach "nur" Schnappschüsse. Ich finde tatsächlich, dass der Ausdruck Schnappschuss oft schon eher als eine Geringschätzung der eigentlichen Leistung verwendet wird. Und das ist total Schade. Ich habe das Gefühl sofort zu sehen, dass bei deinen Bildern ganz viel Gespür und Erfahrung dabei sind. So toll!
    Viele Grüße und Danke für deine Gedanken.

  • #2

    Andreas Christiansen (Sonntag, 12 Juni 2022 20:18)

    Danke Katrin. Ich zucke bei dem Wort "Schnappschuss" auch oft zusammen, weil es für mich einfach gedankenloses Geknipse bedeutet. Aber ich glaube, dass es in den meisten Situationen gar nicht so gemeint ist.
    In den Köpfen derer, die sich nicht oder nur wenig mit der Fotografie beschäftigen, muss ein "richtiges" Foto gestellt sein. Ansonsten hat man sich ja keine Gedanken gemacht. Und dann ist das eben auch kein "richtiges" Foto, sondern eben nur ein Schnappschuss.

  • #3

    Katrin Reisinger (Sonntag, 12 Juni 2022 20:27)

    Genauso!
    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
    Dabei gefallen mir gestellte Fotos echt total selten. Einfach weil sie unnatürlich sind und auch so wirken.
    Da sind mir "Schnappschüsse doch viel lieber.